Von Stuttgart nach London mit Hindernissen

Im Prinzip klingt es ganz einfach: mit dem ICE von Stuttgart nach Frankfurt-Flughafen, und von dort weiter nach Brüssel, wo ich übernachten und am folgenden Morgen dann mit dem Eurostar weiter nach London fahren werde. Und ich will diesmal alles richtig machen. Weil der Anschluss in Frankfurt ziemlich knapp ist, bin ich viel früher als notwendig am Stuttgarter Hauptbahnhof, so schaffe ich es vielleicht, einen früheren Zug zu erwischen. Dann muss ich zwar zusätzlich nochmal in Mannheim umsteigen, bin aber eine halbe Stunde früher in Frankfurt und dann sollte es auch mit dem Zug nach Brüssel kein Problem geben.

Soweit die Theorie. 

Frohen Mutes steige ich also in den Zug, der fährt auch los, in ganz gemütlichem Tempo durch eine herrliche Frühlingslandschaft. Er scheint es nicht so richtig eilig zu haben, dieser Zug, jedenfalls hält er hier und da immer wieder mal auf offener Strecke, auch kurz vor Mannheim nochmal, aber alles gut, versichert man uns per Durchsage, der Zug nach Frankfurt wartet am Nachbarbahnsteig. 

Tut er natürlich nicht. Als ich in Mannheim am Bahnsteig stehe, ist der Zug nach Frankfurt längst weg. Der nächste geht in einer halben Stunde, und der hat Verspätung. Mir schwant Böses.

Und jetzt? Natürlich weiß ich, dass es absolut nichts bringt, die armen Angestellten am Servicepoint zu belästigen. Ich tu es trotzdem.

Wie komme ich nach Brüssel?

Heute gar nicht mehr!

Wenn ich aber heute nicht mehr nach Brüssel komme, werde ich auch morgen früh nicht nach London kommen. Denn wenn ich meinen gebuchten Eurostar nicht erwische, dann habe ich ein Problem, einfach so den nächsten Zug zu nehmen, das geht nämlich nicht und mit Kulanz darf man da nicht rechnen.

Was sollen wir denn tun, fragt der junge Mann vom Servicepoint, wir können uns ja schließlich keinen Zug aus den Rippen schneiden, ist halt so, der Nächste, bitte!

Mein Zug kommt, mit zehn Minuten Verspätung. Vier Minuten zu spät für den Anschluss in Frankfurt. Ich wende mich an die Zugbegleiterin: Könnte man nicht vielleicht doch irgendwie dafür sorgen, dass der Anschluss klappt? 

Es wird hin- und her telefoniert, mit irgendeiner Leitstelle, ganz oben, aber das Urteil ist unerbittlich: der Anschlusszug wartet nicht.

Als ich in Frankfurt aussteige, ist der Zug nach Brüssel gerade eben ohne mich abgefahren.

Und jetzt?

Versuchen Sie, heute noch so weit wie möglich zu kommen, sagt der Mann am Info-Schalter, zumindest bis Aachen müsste man es ja noch schaffen können.

Der nächste Zug nach Köln hat wieder ein paar Minuten Verspätung. Die nette Zugbegleiterin verspricht, meinen Anschlusszug nach Aachen „vorzumerken“, was auch immer das bedeuten mag. 

Als wir uns Köln nähern, bin ich nervös, aber es klappt tatsächlich, ich habe noch sieben Minuten: vom hintersten Ende des Bahnsteigs nach vorne rennen, Treppe runter, Treppe rauf, Zug erwischt.

Der junge Zugbegleiter scannt mein Ticket.

„Sie wollen nach Brüssel?“, fragt er ungläubig, und auf mein Nicken hin schüttelt er den Kopf: „Sieht schlecht aus!“

Danke, Chef, das habe ich heute schonmal gehört. Und wie geht’s jetzt weiter?

„Warten Sie, ich hab `ne Idee!“

Er tippt auf seinem Gerät herum, telefoniert, verschwindet im Dienstabteil und verkündet mir dann die Lösung: es geht noch ein Zug von Aachen nach Belgien. Dummerweise genau vier Minuten bevor dieser Zug hier dort angekommen ist. Aber vielleicht kann man ja eine Ausnahme machen… also hektisches Organisieren, Telefonieren, Gespräch mit dem Lokführer, dann mit der Leitstelle, mit „ganz oben“ und schließlich … Kopfschütteln.

Und ein letzter Ratschlag: „Nehmen Sie ein Taxi und versuchen Sie, den Zug am nächsten Bahnhof hinter der Grenze zu erwischen!“

Er ist mächtig stolz auf die Idee. Ob das funktioniert? Aber habe ich eine andere Wahl?

Wir kommen in Aachen an, ich stürze auf den Bahnsteig, renne die Treppe hinunter, keine Zeit verlieren, gleich zum Taxistand.

Sie haben den Zug verpasst? Alles klar, steigen Sie ein!

Ich schnalle mich an und er fährt los: Stadtverkehr, rote Ampeln. Landstraße, der ehemalige Grenzübergang, dann geht’s ein Stück über die Autobahn. In Welkenraedt überqueren wir die Bahngleise in Sichtweite des Bahnhofs, da steht ein Zug.

„Wir müssen leider einen Umweg fahren!“, sagt der Fahrer. Wenige Minuten später drücke ich ihm einen 50-Euro-Schein in die Hand und stürze hinaus. Von einem Zug ist nichts mehr zu sehen.

„Der ist grad weg!“, sagt ein Typ, der aus irgendeinem Seitengebäude herangeschlurft kommt. Er schaut mich kopfschüttelnd an: „In einer Stunde geht noch einer. Das ist dann aber wirklich der Letzte!“

Ich könnte ihn umarmen!

Stattdessen nicke ich ihm nur dankbar zu und gehe durch den verschlafenen Ort: der Supermarkt hat längst geschlossen, die einzige Pommesbude wäre normalerweise noch auf, hat aber heute Ruhetag und der Snack-Automat davor ist mir nicht geheuer. Aber eine Kneipe gibt’s, da kriege ich immerhin noch ein Bier, und das brauche ich jetzt.

Als ich wieder am Bahnhof bin, ist es dunkel und gespenstisch leer. Ein paar Jugendliche kreuzen auf, und dann auch der Zug. Ich steige ein und schaukele ganz gemächlich in Richtung Brüssel, bin kurz vor eins in meinem Hotelzimmer, am nächsten Morgen pünktlich beim Eurostar-Check-In und wenige Stunden später pünktlich in London.

Mit dem Flieger wäre ich schneller gewesen. Hätte weniger Stress gehabt. Und billiger wäre es auch noch. Diese Geschichte ist jedenfalls kein Verkaufsargument für nachhaltige Reisen.

Warum eigentlich? Was ist schief gelaufen? Es hätte doch alles ganz einfach sein können… aber das erklären zu wollen, ist eine andere Geschichte….

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