Wie man die Bahn verramscht: 5 Tage Erfahrung mit dem 9-Euro-Ticket

  • Tag 1: Mittwoch: Morgens um halb sechs ist die Welt noch in Ordnung. Der Zug ist pünktlich und so voll und so leer wie immer. Prima, ist doch alles super, denke ich mir. Aber zu früh gefreut. Nachmittags nach Feierabend dann ein spontaner Ausflug in die nahe Metropole. Es ist sommerlich warm, und auf dem Bahnsteig sieht’s zunächst aus wie immer im Berufsverkehr. Der Zug ist mit zwei oder drei Minuten Verspätung angekündigt. Sind da heute mehr Leute unterwegs als sonst üblich? ? Schwer zu schätzen, ganz normal, würde ich sagen. Blick auf die Anzeigetafel: „Zug stark ausgelastet“, heißt es da. Und dann: „Zehn Minuten Verspätung“, wegen Reparatur am Zug. Dann kommt der Zug aber doch fast pünktlich, ist aber so brechend voll, wie ich es auch vor Corona nur selten erlebt habe. Sogar Stehplätze sind rar, drangvolle Enge in den Zwischenräumen vor den Türen. Ein Zugbegleiter drängt sich durch, macht aber gar nicht erst den Versuch, die Fahrkarten zu kontrollieren. Beim Nächsten Halt dann eine Durchsage: „Die Weiterfahrt verzögert sich auf unbestimmte Zeit wegen eines medizinischen Notfalls.“ Da ist muss wohl jemand kollabiert sein in der Hitze und der Enge, fast ein Wunder, dass es nur Einer ist. Man kann aussteigen, am Nachbarbahnsteig geht ein paar Minuten später ein anderer Zug, aber der sei genauso voll, man könne auch genausogut hier bleiben. Trotzdem steigt Alles aus, die Menschenlawine wälzt sich rüber zum Nachbarbahnsteig.
  • Tag 2: Donnerstag: Zug ist pünktlich. Nix zu berichten. Alles wie immer. Keine Skandale, kein Chaos. Nur in den Medien gibt’s einen Wettkampf um die wildesten Geschichten.
  • Tag 3: Freitag: Pünktlich zum Start ins Wochenende ist der Zug nur halb so lang wie üblich, und dafür doppelt so voll. „Ich hasse das 9-Euro-Ticket jetzt schon!“, brüllt einer quer durch den Wagon. „Warum denn? Ich find’s nice!“, erwidert ein Anderer. So wild ist’s ja gar nicht. Es gibt ja noch Sitzplätze. Jedenfalls für fast Alle.
  • Tag 4: Samstag: Nix zu berichten. Nur die Berichte in den Medien, die durch das tragische Unglück in Garmisch von gestern überschattet werden.
  • Tag 5: Sonntag: Kein Pfingstausflug, sondern ein Termin, zu dem ich pünktlich sein muss. Frohen Mutes mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof – und kein Zug in Sicht. Zug fällt aus. Schlimmer noch: die ganze Strecke ist über das Wochenende gesperrt. Ja, das hätte man wissen können, wenn man rechtzeitig den winzigen Aushang auf der Fahrplantafel entdeckt hätte. Nun gut, es gibt einen Schienenersatzverkehr, der dauert zwar doppelt so lang und mein Termin ist nicht mehr pünktlich zu schaffen, aber gut, dann suche ich mal die Bushaltestelle, die ist natürlich nicht leicht zu finden. Der Bus ist nur mäßig voll. Bei der Rückfahrt ist schon mehr los, denn die Alternativstrecke ist ebenfalls gesperrt. Der Regionalexpress in Richtung Bodensee ist übrigens erstaunlich leer – aber das hat wohl eher mit dem sintflutartigen Dauerregen zu tun, der seit heute früh unentwegt niederprasselt und manch einem die Lust auf einen Pfingstausflug genommen hat…

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