Von London über Brüssel nach Aachen (Mai 1999)

London, äußerster Nordwesten, direkt an der Stadtgrenze. Es ist vier Uhr dreißig in der Früh. Draußen wird es langsam hell und ich bin längst hellwach. Habe ich viel zu viel gepackt? Mein Kardinalfehler, den mache ich immer. Gegen fünf Uhr breche ich auf. Der Verkehr auf der Straße hält sich noch in Grenzen. Der Himmel ist blau, die Vögel zwitschern, aus einer Bäckerei duftet es nach frischem Brot. Dabei bin ich in England und noch lange nicht in Deutschland!
Ich durchquere den verwilderten Park.
Rentner führen ihre Hunde aus, ein paar Jogger joggen umher. Gleich um die Ecke ist die U-Bahn-Station, ein fast gemütliches altertümliches Gebäude aus viktorianischer Zeit, mit etwas Phantasie kann man sich in die Vergangenheit zurückträumen. Aber am Bahnsteig steht keine Dampflok, stattdessen steige ich in einen langen U-Bahn-Zug.
Die Metropolitan Line verläuft zunächst fast komplett oberirdisch: über einen Kanal mit nostalgischen Freizeit-Bötchen darauf, vorbei an Golfplätzen und Villensiedlungen. Irgendwann schlafe ich ein und wache kurz vor der Baker Street wieder auf. Ich steige aus und zwänge mich mit meinem unförmigen Rucksack über die Rolltreppe hinunter zum Bahnsteig der Bakerloo Line.
Als ich in der Waterloo Station wieder ans Tageslicht gelange, drückt man mir gleich einen halben Zentner Papier in die Hand: drei verschiedene Gratis-Zeitschriften und dazu noch einen Reiseführer für Paris. Da will ich zwar jetzt nicht hin, aber das Heftchen ist ebenfalls gratis.
Wie werde ich all dieses Papier jetzt bloß wieder los?
Um kurz vor 8 checke ich im Eurostar-Terminal ein, schiebe mein Gepäck durch die Röntgenanlage, und rolle hinauf zum Bahnsteig. Der Zug fährt los. Zwischen den Häuserschluchten schimmert die Themse durch, Westminster und Big Ben auf dem anderen Ufer. Ganz gemächlich schaukeln wir durch Südlondon, an den Bahnsteigen stehen Leute und warten auf den Vorortzug zur Arbeit. Draußen wird’s grüner, Sevenoaks, Tonbridge und Maidstone rauschen vorbei, der Zug nimmt Fahrt auf, und dann kommt auch schon die Tunnel-Abfertigungsanlage in Folkestone, hinter der Schallschutzwand liegt der Ort und dahinter irgendwo bilde ich mir ein, das Meer zu erahnen. Dann kommt der Tunnel. Ich schließe die Augen und schlafe ein.
Als ich aufwache, ist die Landschaft draußen flach und grün und der Himmel darüber grau bewölkt. Warum ist es jetzt plötzlich bewölkt?
Mit angenäherter Lichtgeschwindigkeit donnert der Zug über die französische Hochgeschwindigkeitsstrecke mit kurzem Halt in Lille und dann sind wir auch schon in Brüssel.
Brandneue, blitzsaubere Bahnhofskorridore, dann Baugerüste, niedrige Betondecken, alles hier noch nicht so richtig fertig. Jetzt habe ich eine Dreiviertelstunde Zeit.
Ziellos schlendere ich hin und her, trete hinaus auf die Straße, da regnet es. Eine breite Straße mit Straßenbahnschienen und mehrstöckigen Gebäuden, Pfützen auf der Straße, alles nicht sonderlich einladend. Aber es gibt Kneipen und Cafés und Eines davon zieht mich magisch an.
Jetzt habe ich noch eine halbe Stunde. Setze mich rein, auf einen kleinen Tisch direkt im Fenster, ein großes Schaufenster mit Blick auf den Bahnhof. Ich sortiere mein Gepäck und bestelle einen Kaffee, dazu ein Sandwich. Ich habe noch zwanzig Minuten, sagt die Bahnhofsuhr. Der Kaffee kommt, das Sandwich auch. Reicht die Zeit wirklich noch, um den Kaffee in Ruhe auszutrinken? Zum Kaffee gibts ein Mini-Täfelchen belgische Schokolade. Eine Viertelstunde noch.
Ich sortiere meine Barschaft: französische und belgische Francs, englische und irische Pfund, dazwischen deutsche Mark. Das hat irgendwie was, man fühlt sich so wunderbar weltläufig, auch wenn ich genau weiß, dass der echte Weltmann natürlich heutzutage überall mit Kreditkarte bezahlt.
Also gut. Austrinken und bezahlen. Ich winke nach der Bedienung. In fünf Minuten geht mein Zug. Nein, mein Geldschein ist ungültig, sagt die Bedienung. Das zu klären kostet mich zwei Minuten. Jetzt aber schnell!
Über die Straße hinweg zum Bahnhof, es gibt verdammt viele Bahnsteige, mein Zug ist auf der Anzeigetafel nicht mehr angeschlagen und als ich oben am Bahnsteig bin, sehe ich buchstäblich noch die Rücklichter.
Die Uhr draußen am Bahnhofsportal geht um zwei Minuten nach.
Ein Afrikaner schüttelt den Kopf, auch er hat seinen Zug auch gerade verpaßt. Erst in zwei Stunden geht wieder ein Zug nach Deutschland. Na gut, dann mache ich halt das Beste draus und schaue mir Brüssel an. Kurzentschlossen steige ich in einen roten Doppeldecker-Nahverkehrszug, der kurz hinter dem Südbahnhof in einem Tunnel verschwindet. Mitten im Tunnel befindet sich der Bahnhof Brüssel-Central, ein erstaunlich belebter Bahnhof mit vielen Gleisen, da steige ich wieder aus, nehme die Rolltreppe hinauf in die riesige Bahnhofshalle und begebe mich zum Ausgang, in die Innenstadt.
Ich überquere die Straße, gehe den Hügel hinunter zum Marché aux Herbes, dem kleinen Platz mit schönen alten Giebelhäusern, Touristenläden und Cafés mit Stühlen im Freien. Gleich um die Ecke ist der Eingang zu der wunderschönen Galérie de la Reine, einer überdachten Ladenpassage aus der Belle Époque. Dahinter liegt die Touristen-Fressgasse, ein Restaurant neben dem anderen, jedes von ihnen hat draußen eine Reihe von mehr oder weniger appetitlichen Lebensmittal-Atrappen drapiert und dazu eine Schiefertafel mit dem aktuellen Menü.
Es ist warm, fast schwül, aber bedeckt und sieht nach Regen aus. In der Nähe der Börse finde ich ein uriges Café und lasse mich draußen unter einer Markise nieder. Neben mir zwei junge Frauen mit Handys, zur anderen Seite ein englischer Tourist. Auch hier kriegt man Schokoladentäfelchen zum Kaffee dazu und dazu noch einen Gewürzkeks. Und der freundliche Kellner akzeptiert sogar mein Falschgeld, also die Scheine, die man in der Spelunke hinterm Südbahnhof nicht haben wollte. Die seien doch noch gültig, erklärt er mir, aber nicht so richtig oder doch, so ganz verstehe ich es nicht.
Ich muss die Uhrzeit im Auge behalten. Drehe noch eine Runde über den Großen Markt – ja, ganz nett und voller Touristen – und stöbere in den Auslagen von Antiquariaten. Wie dumm, dass ich kein Flämisch und kaum Französisch verstehe!
Ich gehe zum Bahnhof zurück. Da ist jetzt viel Betrieb, der Berufsverkehr ist in vollem Gange. Mein Zug kommt, ich steige ein und schlafe ein: Leuven, Liege, Verviers, ziehen am Fenster vorbei ohne von mir bemerkt zu werden. Dann wird die Landschaft hügeliger und bewaldet, hier und da ein Schloss oder ein herrschaftlicher Landsitz, dann ein Tunnel und dahinter sehen die Oberleitungsmasten anders aus: ich bin in Deutschland, mein Handy hat deutsches Netz.
Kurz darauf hält der Zug in Aachen. Ich steige aus.

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