Zwei sonnige Februartage auf Sylt

Man steigt in Westerland aus dem Zug, geht den Bahnsteig entlang durch die kleine Bahnhofshalle auf den Vorplatz und dann steht man da in einer ganz normalen Stadt. Keiner besonders schönen Stadt: Autos brausen vorbei, und auf der anderen Seite der stark befahrenen Straße stehen Betongebäude im Stil des Brutalismus der 60er und 70er Jahre, die genauso gut auch in Hildesheim, Recklinghausen oder Göppingen stehen könnten. Durch die Fußgängerzone pfeift der Wind und am Sonntagnachmittag wirkt die Innenstadt so trostlos wie alle anderen deutschen Innenstädte an einem Sonntagnachmittag, die Geschäfte sind geschlossen, nur hier und dort ein wenig Gastronomie. Ein paar Spaziergänger, der eine oder andere Rollkoffer: wie sagt man hier eigentlich, wenn man das böse Wort „Tourist“ vermeiden will: Badegast? Urlauber? Sommerfrischler? Aber es ist doch noch gar nicht Sommer! Und auch keine Badesaison. Also bin ich doch bloß Tourist.
Und in dieser Eigenschaft suche ich jetzt den Strand, der sich hinter dem hinteren Ende der Fußgängerzone verbirgt.
Der Weg zur Strandpromenade führt an einem Kassenhäuschen vorbei, welches allerdings jetzt nicht besetzt ist. Allerdings steht dort ein Hinweis auf mögliche Stichprobenkontrollen; umsonst gibt’s hier nichts, schon gar keine frische Seeluft.
Aber der Strand ist wirklich schön.
Viel Sand, Meeresrauschen, Wasser und Wellen, Möwengeschrei, wie das halt so ist. Am Spülsaum entlangwandernd genießt man das Gefühl der Unendlichkeit. Zunächst ein ganzes Stück weit nach Norden, dann landeinwärts durch die Dünen: Die Dünen sind ganz nett und vor allem ziemlich hoch, es gibt Aussichtspunkte, da blickt man über eine weite, hügelige, wildromantische Steppenlandschaft, wie man sie sich mit etwas Phantasie auch in den schottischen Highlands oder subarktischen Gefilden vorstellen kann. Ich bin englische Strände gewöhnt, da gibt’s meist nicht ganz so viel Sand und keine Dünen, dafür aber dramatisch-abwechslungsreiche Felsenklippenlandschaft und vor allem gibt’s um England herum ziemlich viel Meer, das ist da kaum noch etwas Besonderes. Dünen und Sandstrand wiederum gibt’s in Holland und Belgien in rauen Mengen, aber da ist die Küste streckenweise mit Hochhäusern komplett zubetoniert, und das fehlt hier zum Glück: von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind die meisten Gebäude nicht mehr als drei oder vier Stockwerke hoch. Hin und wieder gibt’s tatsächlich noch ein altes Hotel in der „klassische Bäder-Architektur“ des frühen 20. Jahrhunderts, schöne alte Friesenhäuser sehe ich hingegen nicht, nur Nachbauten, protzige Villen und Ferienwohnungsanlagen. Woher also kommt der Mythos um diese Insel?
Ich drehe um, gehe am Strand entlang nach Süden, in Richtung der mittlerweile schon tief stehenden Sonne: blauer Himmel, ein bisschen Wind und inzwischen ziemlich viele Spaziergänger unterwegs.
Die Sonne geht unter und im Dämmerlicht kehre ich zum Hotel zurück. Schön. Damit hätte ich mir dann schon einen Überblick verschafft.
Was habe ich sonst noch vor? Morgen per E-Bike die Insel erkunden oder mich lieber zu Fuß und per Bus bewegen? Jetzt erstmal eine Kleinigkeit essen.
In der Pizzeria muss man seine Bestellung an der Theke aufgeben und erhält dann einen Piepser, der Radau macht, wenn das Essen fertig ist. Immerhin, das Bier wird an den Tisch gebracht. Nebenan sitzen drei sehr junge Frauen in sehr schickem Outfit, was haben die heute noch vor?
Was mich betrifft, so werde ich mich wohl doch für das E-Bike entscheiden. Einmal von hier bis zur Nordspitze, dann hinunter ans Südende und wieder zurück nach Westerland – das sind ungefähr achtzig Kilometer. Ob der Akku dafür ausreicht?
Am Morgen strahlt die Sonne. Das E-Bike bekomme ich ganz unkompliziert, verfahre mich dann erstmal im Stadtverkehr und lande auf der breiten Landstraße, die für Fahrräder eigentlich verboten ist.
Kurz vor Wenningstedt finde ich dann den Radweg, strampele an Kampen vorbei und mache dort einen Abstecher zur „Uwe-Düne“, der höchsten Düne der Insel. Es ist noch ein bisschen neblig, der Boden ist feucht vom Tau. Helles Silbergras zwischen braunen Sträuchern auf den Kämmen der Dünen, im Osten, zur aufgehenden Sonne hin irgendwo die Nobel-Villen von Kampen: jetzt verstehe ich ein bisschen das Besondere an dieser Gegend. Es ist ein bisschen wie eine Wildnis, allerdings eine Wildnis im Westentaschenformat.

Ich mache einen Abstecher zum Strand. Auch hier steht am Zugangsweg ein Kassenhäuschen, allerdings nicht besetzt. Fahrräder muss man spätestens dort abstellen, an den Strand darf man nur zu Fuß. Und ganz in der Nähe finde ich dann auch meinen ersten Leuchtturm, allerdings ist er nicht rotweiß gestreift.
Der Radweg führt – unabhängig von der Straße – durch eine bizzarre Dünenlandschaft, heidekrautbewachsene Hügel, jetzt um diese Jahreszeit eher braun, dazwischen grüne Krüppelkiefern. Ein bisschen erinnert es mich an Schottland.
Die offene Nordsee sieht man nicht, aber hin und wieder schimmert rechts das Wattenmeer hindurch.
Dann muss ich ein kleines Stück auf der Hauptstraße entlang, die nach List führt, biege dann aber ab in Richtung Ellbogen. Diverse Abzweiger führen zum FKK-Strand und zu einer Strandsauna, es gibt mehrere Parkplätze, aber die sind alle leer, dann biege ich nochmal ab und gelange auf eine mautpflichtige Privatstraße. Fahrräder sind kostenlos.
Die holprige Straße besteht teils aus bröckeligem Asphalt, teils aus Betonplatten. Rechts von mir liegen Marschwiesen und dahinter der Königshafen, eine breite, flache Bucht, die vor mehreren Jahrhunderten tatsächlich als Hafen genutzt wurde. Irgendwo links von mir, jenseits der Dünenlandschaft, muss der nördlichste Punkt Deutschlands liegen. Aber wie komme ich dahin?
Ich entdecke einen Leuchtturm, halte an, mache Fotos, gehe durch die Dünen an den Strand: langer, endlos weiter Sandstrand nach links und nach rechts.
Ein Stück weiter gibt es noch einen Leuchtturm, überall tolle Fotomotive. Aber wo ist jetzt der Nordpol?
Irgendwo hier in der Gegend muss er sein. Mein Handy bucht sich schon in ein dänisches Netz ein. Der blaue Himmel wird zunehmend dunstiger. Ich folge dem Verlauf der Straße bis an das östliche Ende, gehe dort an den Strand und einmal um das östliche Ende des Ellbogens herum, ein Stück Strand ist abgesperrt: „Achtung Rastende Robbe!“, steht auf einem Schild davor. Die Tiere kann ich allerdings nicht entdecken, sie sind wohl gerade im Wasser unterwegs.
Auf der Südseite – zum Königshafen hin – ist das Meer flacher und es gibt keine Brandung mehr. Aber das Nordkap habe ich immer noch nicht gefunden.
Ich fahre ein Stück zurück nach Westen, bis zum nördlichsten der Strandübergänge, gehe eine weile durch die Dünen, folge dem blauen Punkt auf meinem Handy-Display und irgendwann bin ich tatsächlich ganz oben. Da steht sogar ein ganz unscheinbares Schild, vor dem man ein Beweis-Selfie machen kann.

Ich fahre zurück – durch den Ort List, der ist nicht sonderlich bemerkenswert, dann zurück durch die Dünenlandschaft in Richtung Westerland. Ich muss den Fahrradverleiher kontaktieren, weil der Akku inzwischen so gut wie leer ist, auf den allerletzten Drücker schaffe ich es dann, und nach einer Atempause im Hotel mache ich mich dann mit frisch aufgeladenem Akku auf den Weg in den Südteil der Insel.
Ob die Zeit noch reicht bis Hörnum und zurück? Es ist schon vier Uhr Nachmittags. Aber gut, einen Versuch ist es wert! Der Himmel hat sich inzwischen zugezogen, es wird ziemlich neblig.
Bis Rantum fahre ich auf der Hauptstraße, dann auf der Trasse der ehemaligen Inselbahn auf der Wattenmeer-Seite durch Marschwiesen mit Tümpeln, rechts von mir die Hauptstraße und die Dünen. Das berühmte „Sansibar“ lasse ich links liegen und bei Puan Klent ist es schon ziemlich dämmerig. Hörnum erreiche ich dann im allerletzten Tageslicht.
Der Dorfladen hat noch geöffnet, ich hole mir etwas zu essen und fahre weiter, erreiche einen Strand, oder irgendwas Strand-artiges, da ist Wasser, aber keine Brandung, ich muss mich entweder auf der Wattenmeer-Seite befinden oder es ist gerade Ebbe, oder Beides, was weiß ich.
Im Aller-allerletzten Tageslicht erkenne ich einen Leuchtturm und ein paar ältere Steinhäuser. Gut, das muss reichen, ich will zurück, inzwischen ist es dunkel, richtig dunkel, stockdunkel. Also Rückfahrt: die entgegenkommenden Autos blenden.
Endlich wieder in Westerland angekommen, bringe ich das Rad zurück, gehe noch ein bisschen durch den Ort, nochmal an den Strand, dann in die Fußgängerzone, wo fast Alles schon geschlossen hat, aber dann finde ich doch noch ein Lokal, nehme Platz im Warmen und bestelle mir ein Bier.

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