Mit dem Bernina-Express von Chur nach Tirano

(Oktober 2021)

Herbstbunte Bäume, Nebel über den Wiesen und Tau. Oder ist das schon Rauhreif? In Ulm steige ich in den Regionalzug nach Memmingen. Jemand erkundigt sich auf Englisch radebrechend nach dem Flughafen.
„Very small Bahnhof,“ sagt die Schaffnerin, „Not very far! 15 Minutes Bus oder Taxi!“
In Memmingen habe ich zehn Minuten zum Umsteigen, dann geht’s weiter mit dem EC in Richtung Schweiz, im mäßig vollen Erster-Klasse Großraumwagen.
Blauer Himmel und sehr grüne Voralpenlandschaft, erst hinter Lindau-Reutlin sieht man im Dunst die ersten Berge. Während wir am Bodenseeufer entlangfahren, gibt es die erste Durchsage, die auf das Corona-Einreiseformular für die Schweiz hinweist.
Das habe ich gestern am Computer gewissenhaft ausgefüllt und abgeschickt, genauso wie das ebenso umfangreiche Formular für Italien.
Aber zunächst noch müssen wir durch Österreich: fünf Minuten Aufenthalt in Bregenz, weiter durch eine zersiedelte Wiesenlandschaft, dann über den Rhein, dann erst: „Willkommen in der Schweiz!“
Nächster Halt: St. Margrethen, da muss ich aussteigen.
Leere, breite Straßen mit Cafés und Restaurants, nichtssagende Beton-Architektur. Alles sieht irgendwie sehr normal aus. In wenigen Minuten kommt ein ziemlich langer Doppelstockzug, ich steige ein. Gemächlich geht es das Rheintal entlang. Die Berge verstecken sich in den Wolken. In diesen blitzsauberen, geräumigen Doppelstock-Wagons kann man auch im Obergeschoss von Wagon zu Wagon durchgehen.
Wir passieren Buchs (ausgesprochen wie „Buch“ mit einem „s“ hintendran, und nicht etwa wie „Bux“) und Sargans. Blick auf Liechtenstein, das Fürstenschloss am Berghang. Die Berge werden höher, die Gipfel verstecken sich in den Wolken. Es ist erstaunlich, wie viel Industrie es hier im Rheintal gibt. Drinnen kultivierte Ruhe, fast Stille. Die Schaffnerin sagt „Grüezi“.
In Landquart fängt die Rhätische Bahn an, parallell zur Normalspurstrecke führt jetzt die Schmalspurbahn mit roten Spielzeugzügen. Die Wolkendecke reißt auf und endlich kann man die Gipfel der Berge sehen.
Chur ist Endstation. Ich steige aus, durchquere eine großzügige Bahnhofshalle und dann eine Unterführung, hinaus auf den Bahnhofsvorplatz und den Anfang einer belebten Fußgängerzone. Da tobt das Leben. Es wirkt richtig großstädtisch. Der Himmel ist strahlend blau, aber es ist herbstlich kühl. Ich ziehe meinen Rollkoffer durch die Innenstadt, überlege, ob ich einen Kaffee trinken will, aber zunächst mal sehe ich mir die Stadt an, und so viel Zeit habe ich ja gar nicht.
Ich gehe weiter bis in die Altstadt: schöne Gässchen, alles blitzsauber und Schweizer und Graubündner Flaggen. Es gibt einen Rathausplatz und eine evangelische St. Martins-Kirche. Irgendwo muss es auch noch eine Kathedrale geben, aber inzwischen drängt schon die Zeit, ich gehe zum Bahnhof zurück, der Bernina-Express wartet.

Der Bernina-Express abfahrbereit in Chur

Ich gehe zurück durch die Unterführung, hinauf auf den Bahnsteig und muss dann noch ein ganzes Stück weit nach vorn, da steht ein kleiner roter Zug und davor steht ein Schaffner, der mustert mich mit strengem Blick: „Haben Sie reserviert?“ – Habe ich natürlich! Stolz wedele ich mit dem teuren Panoramawagen-Zuschlag-Ticket, welches ich gestern spät abends noch am Fahrkartenautomaten des heimischen Bahnhofs erworben habe. Online war das nämlich nicht möglich, da wurde zwar ein erstaunlich günstiger Fahrpreis angezeigt, aber nur ohne Reservierung und ohne Reservierung gibt’s kein Ticket – muss man nicht verstehen, aber durch einen raschen Sprint zum Bahnhof hat dann ja doch alles noch geklappt.
Und jetzt suche ich den Wagon Nr. 1. Der ist zwar vorne, aber eben doch nicht ganz vorne, da sind noch zwei weitere Triebwagenwagons vorgespannt. Drinnen ein Tohuwabohu: zwei größere Gruppen streiten sich um die Plätze, dann ist da noch ein englisch sprechendes Paar und ein paar andere Leute und mein Platz ist besetzt. Das Chaos klärt sich auf, eine von den beiden Gruppen zieht ab, mein Platz gehört mir und noch während ich dabei bin, mich zurechtzuwuseln, fährt der Zug los.
Ich lehne mich in meinem Sitz zurück und schaue durch die Panoramafenster hinaus in die sonnige Berglandschaft. Es geht talaufwärts in die Berge hinein. Das Tempo ist gemächlich, aber mehrere kleine Bahnhöfe an der Strecke werden ohne Halt durchfahren. Eine Tonband-Ansagestimme weist auf besondere Sehenswürdigkeiten und Eigenarten der Strecke hin. Es geht durch eine Alpenlandschaft mit Dörfern, Wäldern, Wiesen und hin und wieder auch Burgen auf Felszacken. Die Berge im Hintergrund werden immer höher und sind teils schneebedeckt.
Nachdem der junge Schaffner die Tickets kontrolliert hat, geht es immer steiler bergauf, in Kehren, durch Tunnel und über Brücken, hin und wieder muss auf offener Strecke auf einen Gegenzug gewartet werden.
Dann wird‘s ernst: wir überqueren das berühmte Landwasser-Viadukt, welches gleich in einen Tunnel mündet.
Natürlich versuche ich, zu fotografieren, aber ich merke bald, dass sich das gar nicht lohnt: die Panoramascheiben spiegeln, und wann immer ich ein tolles Motiv entdeckt habe, ist es auch schon wieder weg.
Abgesehen davon ist dieser Zug selbst ein Fotomotiv für die Wanderer auf den Wegen nebenan oder die Leute, die an Bahnsteigen, auf Parkplätzen oder anderswo stehen und ihre Kameras auf die Gleise gerichtet haben.
Über Kehrschleifen und Tunnel geht es steil bergauf: wunderbares Landschaftskino vom Feinsten. Dann kommt der Albula-Tunnel und dahinter sieht die Landschaft ganz anders aus: eine Hochgebirgslandschaft im goldenen Licht, ein weites Tal mit kleinen Orten darin. In Pontresina gibt es einen längeren Halt.
Dann geht es wieder steil bergauf zum Bernina-Pass. Die Bäume werden spärlicher, schließlich geht es auf eine baumlose Hochebene, die ein bisschen an Skandinavien erinnert – aber da gab es keine spitzen steilen Berge (wohl aber Schnee). Nicht nur die Berge sind schneebedeckt, auch im Wald gibt es hier und da Schneereste. An einer Station namens Bernina Suot halten wir an um auf den Gegenzug zu warten: goldenes Licht, braune Wiesen und Schnee auf den Bergen.
Die Station Bernina Diavolezza befindet sich gleich neben der Talstation einer Seilbahn. Wir nähern uns dem Lago Bianco, dem Stausee direkt hinter der Wasserscheide und an seinem Ufer, knapp hinter dem Scheitelpunkt der Strecke liegt das Ospizio Bernina, die höchstgelegene Haltestelle, über zweitausend Meter hoch gelegen.
Man kann aussteigen und sich die Beine vertreten, es ist kühl, nach Norden hin blauer Himmel und nach Süden hin Wolken.
Weiter geht’s, und von nun an steil bergab. Der Haltepunkt Alp Grüm ist für seine Aussicht berühmt – aber die ist jetzt durch Wolken getrübt. Über Kehrtunnel und Wendeschleifen geht es weiter hinab in das Punschlav-Tal mit seinem Hauptort Pochiavo. Kurz dahinter, in Le Prese fährt der Zug zum ersten Mal straßenbahnartig direkt auf der Hauptstraße entlang. Das macht er noch mehrere Male, jeweils immer nur für maximal ein paar hundert Meter.
Es geht idyllisch an einem See (Lago di Poschiavo) entlang, dann durch das berühmte Kreisviadukt von Brusio. Ganz, ganz langsam wird es durchfahren.
Wenig später geht es dann über die italienische Grenze und dann langsam und gemächlich durch Tirano, auch wieder mitten durch den Ort über den Vorplatz der Wallfahrtskirche.
Dann erreichen wir den Endbahnhof. Der Ausgang führt – offiziell – durch eine Zollabfertigungsstelle und eine Grenzkontrolle, aber da ist niemand.
Ich gehe auf den Bahnhofsvorplatz, vorbei an Cafés und Andenkenläden und suche mein Hotel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.