Tirano nach Levanto: Vom Veltlin an die ligurische Küste

Das eigentliche Zentrum von Tirano liegt auf der Südseite des Flusses, da streife ich durch die sonntäglich stillen Kopfsteinpflastergässchen. Vor einem Café sitzen ältere Leute, trinken ihren Espresso und haben ihre Masken lässig unterm Kinn oder um den Arm gewickelt. Die Kirche wird gerade für eine Hochzeit geschmückt, die Bänke sind mit Blumensträußen geschmückt, ein paar Leute dekorieren weiter.
Ich überquere den Fluss und durch modernere Wohnviertel gelange ich zu der Wallfahrts-Basilika mit dem Platz davor, über den die Autos brausen. Die Schienen der Rhätischen Bahn führen quer darüber hinweg
Dann bimmelt es, die Autos halten brav an wie vor einem Bahnübergang und kurz darauf rattert der Bernina-Express vorbei.
Wir Touristen machen brav unsere Fotos und die Leute drinnen im Zug machen auch Fotos und verfluchen uns wahrscheinlich dafür, im Bild zu stehen. Der Zug rattert weiter in Richtung Schweiz und ich drehe mich um, froh darüber, die Szene im Kasten zu haben.
Ich hole mein Gepäck gehe zum Bahnhof. Der italienische Bahnhof befindet sich gleich neben dem Bahnhof der Rhätischen Bahn, dort steht ein langer Nahverkehrszug bereit, aber einen Fahrkartenschalter finde ich nicht, der einzige Fahrkartenautomat ist entweder kaputt oder funktioniert nicht und ich brauche eine Weile um zu kapieren, dass man die Tickets im Tourismusbüro um die Ecke bekommt.
Pünktlich um 11:08 Uhr geht’s los: zunächst durch das Veltlin mit Blick auf schneebedeckte Berge, dann ganz romantisch am Comer See entlang mit herrlichstem Landschaftskino bis Lecco, von da an geht’s im Sauseschritt weiter und als dann die ersten Vororte von Mailand auftauchen, werde ich nervös: zwanzig Minuten habe ich zum Umsteigen, aber in der Zeit muss ich mir noch eine Fahrkarte besorgen für den Anschlusszug ans ligurische Meer.
Nun ja, einen funktionierenden Fahrkartenautomaten finde ich Milano Centrale auf Anhieb. Bevor ich mein Ticket bezahlen darf, muss ich bestätigen, dass ich gegen Corona geimpft oder genesen bin und so etwas wie einen „grünen Pass“ besitze, und eigentlich soll ich auch meine Handynummer angeben, aber das kann man zum Glück auch sein lassen. Dafür kriege ich automatisch einen reservierten Sitzplatz.
Ich kämpfe mich durch das Menschengewusel, finde meinen Zug, steige ein und los geht’s, durch die weitläufige Po-Ebene, an Pavia vorbei – kurzer Blick auf den Dom – flaches Land, braun-abgeerntete Felder und darüber ein blauer Himmel.
Hinter einem langen Tunnel wird es grüner, und bergiger, mit Schluchten und Felsen und dann sind wir auch schon in Genua. Dahinter sieht man zum ersten Mal das Meer: Immer wieder kürzere und längere Tunnel und dazwischen der Blick auf das das gleißend helle blaue Meer, am Ufer Orte mit Kirchtürmen und mal mehr, mal weniger dramatische Küstenlandschaft mit einem strahlend blauen Himmel darüber.
Pünktlich um fünf komme ich in Levanto an.
Draußen herrliche Sonne. Der Bahnhof ist ein hässlicher Neubau, 70er Jahre oder so und liegt oberhalb der Stadt. Eine breite Zufahrtsstraße führt hinunter, wird zu einer schattigen Allee, die von schönen Villen gesäumt wird. Mein Hotel ist ein Altbau mit einem kleinen parkartigen Garten drumherum.
Beim Check-In wird Fieber gemessen und dann erklärt mir die Angestellte auf italienisch die örtlichen Corona-Regeln, die ich sogar verstehe.
Ich bringe das Gepäck aufs Zimmer und begebe mich dann gleich zum Meer. Die Sonne steht schon tief, aber es ist noch warm, der Strand ist noch belebt. Die Uferpromenade führt auf dem alten, ehemaligen Bahndamm entlang ans Nordufer der Bucht und dann weiter, durch mehrere Tunnel, dazwischen kurze, balkonartige Strecke zwischen den Felsen hindurch. Spaziergänger spazieren, Radler radeln und dazwischen sind Leute mit Skateboard oder Inline-Skates unterwegs, darunter erstaunlich viele Familien mit kleinen Kindern. Es beginnt zu dämmern, und als ich den Nachbarort erreiche, ist es schon fast richtig dunkel und ziemlich kühl.
Ich kehre um, finde in Levanto noch eine nette Pizzeria, schaffe es, auf italienisch zu bestellen, bekomme einen Grappe spendiert und kehre stolz und angetüdelt zum Hotel zurück.

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